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Sydney -
Zu wütenden Protesten australischer Ureinwohner kam es am Donnerstag in Canberra. Die etwa 200 Demonstranten wollten ein Restaurant stürmen, in dem sich Ministerpräsidentin Julia Gillard zusammen mit Oppositionsführer Tony Abbott befand. Auslöser der Proteste war eine vermeintliche Forderung Abbotts, die „Aboriginal Tent Embassy“ abreißen zu lassen. Gillard und Abbott mussten von der Polizei in Sicherheit gebracht werden.
Die Demonstranten beschimpften sie als ,,Rassistin“ und riefen ,,Schande!“. Bei dem Zwischenfall wurde niemand verletzt. Abbott habe mit seiner Forderung ausgerechnet am Nationalfeiertag - und gleichzeitigen 40. Gründungstag der Zelt-Botschaft - Rassenunruhen heraufbeschworen, sagte Michael Anderson, der Gründer des ,,Botschaftszelts“.
Abbott bestreitet, eine solche Aussage gemacht zu haben: „Ich habe das nicht gesagt und ich denke das nicht“, sagte er den Medien am Freitag in Melbourne. Er habe lediglich die Situation heute mit der vor 40 Jahren verglichen und sich dazu auf respektvolle und einfühlsame Weise geäußert.
Das Botschaftszelt nahe des Parlamentsgebäudes ist seit 40 Jahren ein Symbol für die Aktivisten, die gegen die Ungleichbehandlung der Aborigines protestieren. Etwa 500.000 der 23 Millionen Einwohner Australiens sind Ureinwohner. Sie kämpfen gegen viele soziale Probleme. Viele Aborigines leben von Sozialhilfe und 60 Prozent haben keinen Mittelschulabschluss.
Die Zelt-Botschaft in Canberra vor dem alten Parlamentshaus existiert seit dem Australia Day 1972 provisorisch, seit dem Australia Day 1992 fest. Am Anfang war die Botschaft eine Reaktion auf die Verweigerung der Koalition, Landrechte der Aborigines anzuerkennen. Die Proteste, die 1971 ihren Anfang nahmen, markieren bis heute einen Meilenstein in der Geschichte der Landrechtsbewegung in Australien.
Die Petition, die im Februar 1972 eingereicht wurde, machte aber auch Selbstbestimmung und Souveränität zu wichtigen Anliegen und erreichte nach und nach einige Ziele. 1979, als die Zelte vor dem neuen Parlamentsgebäude aufgeschlagen worden waren, wurden die Stimmen, die einen Gesetzentwurf für die Rechte der Eingeborenen und Eigenständigkeit forderten, lauter. 1992 wurde die Zelt-Botschaft wieder vor das alte Parlamentsgebäude verlegt und dem Minister für die Angelegenheiten von Aborigines und den Bewohnern der Torres-Strait-Inseln wurde eine Deklaration der Eigenständigkeit vorgelegt. Es hatte zuerst Pläne gegeben, die Botschaft in Sydney zu errichten, doch ein Schild mit der Aufschrift „Botschaft“ aufzuhängen war nur in der Hauptstadt möglich und gab der Regierung anfangs Grund zur Sorge.
Die größte Kritik an der Botschaft der Aborigines gilt aber nach all der Zeit immer noch der Optik, denn die einfachen Zelte vor dem alten Parlamentsgebäude stellen in den Augen vieler einen Schandfleck dar. Schon 1972 wollte der damalige Innenminister den Aborigines Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, im Gegenzug sollten diese ihre Zelte entfernen. Im Juli desselben Jahres wurde die Zelt-Botschaft dann von der Polizei entfernt – ein Ereignis, das zu den gewalttätigsten in der Geschichte Canberras gehört. Die Konflikte mit der Regierung festigten aber nur das Gemeinschaftsgefühl der Eingeborenen. In den letzten 40 Jahren hat die Regierung es mit Gewalt, unter Berufung auf Bauordnungsbestimmungen, Verhandlungen und Ignoranz versucht, doch ihre Ziele konnte sie nicht verwirklichen – über die Jahre hinweg hat die Zelt-Botschaft in Canberra für viele Aborigines sogar fast so etwas wie einen Heiligenstatus erlangt.
Seit 1998 brennt daher auch ein Feuer, das Frieden, Gerechtigkeit und Eigenständigkeit symbolisieren soll. Auch die Flagge der Aborigines wurde im Zusammenhang mit der Botschaft kreiert, da Unterstützer der Meinung waren, eine Botschaft und ihre Nation bräuchten eine eigene Flagge. Zuerst sollte die Flagge die Farben schwarz, rot und grün tragen: Schwarz für die Menschen, rot für das Blut, das von ihnen vergossen wurde und grün für ihr Land. Die Flagge, die letztendlich die Farben schwarz, rot, gelb trug und von Harold Thomas, einem eingeborenen Künstler, gestaltet wurde, wurde zum ersten Mal am Nationalfeiertag der Aborigines und Inselbewohner gehisst.
1995 wurde die Botschaft nach jahrelangem Kampf schließlich durch die Auflistung im nationalen Grundbesitz von der australischen Erbschaftskommission anerkannt. Heute symbolisiert der Ort nicht nur die politischen Schwierigkeiten, mit denen die Zelt-Botschaft zu kämpfen hatte, sondern auch alle anderen Probleme, mit denen die Aborigines über die Jahre hinweg konfrontiert worden sind. Im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 2000 wurde sogar vorübergehend eine zweite Zelt-Botschaft in Sydney aufgestellt. Ob Schandfleck oder Ikone, die Zelt-Botschaft ist nicht mehr wegzudenken aus der Geschichte Australiens, der Geschichte der Aborigines – auch wenn die Botschaft ihr angestrebtes Ziel der Eigenständigkeit noch lange nicht erreicht hat.
Mehr Informationen unter www.aboriginaltentembassy.com.net
Jacqueline Lang/ dpa
Lesen Sie auch den Kommentar von Chefredakteur Ludger Heidelbach
EDITORIAL
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Der französische Senat hat vergangene Woche ein Gesetz bestätigt, dass das Leugnen jedes (gesetzlich anerkannten) Völkermords unter Strafe stellt. Bereits im Dezember letzten Jahres war der Gesetzesvorschlag im Parlament verabschiedet worden.
Ein Leugnen sieht als Strafe bis zu einem Jahr Haft und eine Geldstrafe von 45.000 Euro vor. Das Gesetz muss noch von Präsident Nicolas Sarkozy unterzeichnet werden, bevor es Gültigkeit bekommt. Obwohl das französische Gesetz jeden Völkermord ahnden will, sieht die Türkei es auf sich persönlich und auf die Geschichte des Osmanischen Reiches gemünzt, dessen Rechtsnachfolger sie ist, denn Mitte 2011 waren die im 1. Weltkrieg an den Armeniern begangenen Kriegsverbrechen von Frankreich gesetzlich als Genozid anerkannt worden. Durch Massaker und Todesmärsche zwischen 1915 und 1917 starben etwa 1,5 Millionen Armenier. Die Türkei hingegen spricht „von bis zu 500.000“ Kriegsopfern, die in Kämpfen, die wegen der Zusammenarbeit der Armenier mit den Russen stattfanden, ums Leben kamen. (An dieser Stelle sei zudem angemerkt, dass das Osmanische Reich im 1. Weltkrieg mit Deutschland verbündet war. Die Rolle deutscher Offiziere in der Türkei im Zusammenhang mit der Deportation von Armeniern ist bis heute nicht hinreichend untersucht und geklärt sowie mehr oder weniger unbekannt. Der österreichische Schriftsteller Franz Werfel hat in seinem historischen Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ den Völkermord an den Armeniern literarisch verarbeitet.) Die Nachkommen der Armenier, die im Weltkrieg vertrieben wurden oder flüchteten, leben heute in aller Welt verstreut. In Frankreich wird ihre Zahl auf rund eine halbe Million geschätzt. Der türkische Regierungschef Recep Erdogan nennt Frankreichs Gesetz gegen die Leugnung von Völkermorden ein „Massaker an der Meinungsfreiheit“. Indirekt erneuerte er seinen Vorwurf, Sarkozy betreibe mit dem Gesetz ein wahltaktisches Manöver und sei bei der armenischen Minderheit auf Stimmenfang für die anstehende Präsidentenwahl. Außerdem wirft er als „Revanche“ den Franzosen Völkermord an den Algeriern während ihrer Kolonialzeit vor. Darüber hinaus droht er mit Sanktionen. Laut türkischen Medienberichten ist unter anderem die Beendigung diplomatischer Beziehungen sowie die Sperrung türkischer Häfen für französische Kriegsschiffe geplant. Als denkbare „wirtschaftliche und politische Maßnahme“ könnte auch ein Verbot französischer Firmenbeteiligungen in der Türkei erlassen werden.
Der Streit zwischen zwei Nato-Ländern um die Gesetzgebung – obwohl letztere von armenischen Politikern überschwänglich begrüßt wurde – kann für die Armenier nur eins bewirken: Die Verständigung mit der Türkei rückt wieder in weite Ferne. Es ist nicht Aufgabe eines Staates, ein bestimmtes Geschichtsbild gesetzlich zu zementieren, schon gar nicht in einem demokratischen Staat. Frankreich, das sich seit der Revolution gern als das „Mutterland der Menschenrechte“ bezeichnet, hat sich mit dem Gesetz gegen eine geschichtliche Diskussion der Vorfälle entschieden und leistet dadurch allen einen schlechten Dienst. Denn Geschichte und ihre Auslegung ist den Historikern zu überlassen und somit Wissenschaftlern, die nicht durch Gesetze in ihrer Forschung behindert werden sollten. Leuten aber, die so verbohrt sind, dass sie solche Kriegsgreuel leugnen, ist auch mit staatlicher Macht und Gesetzen nicht beizukommen, sondern höchstens mit fundierten Beweisen und guter Argumentation. Die beste Reaktion wäre es, solche Wirrköpfe zu ignorieren.
Bis nächste Woche
Ihr Ludger Heidelbach
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