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Adelaide
Deutlich weniger Gelegenheitsjobs, immer mehr Bewerber: Down Under müssen sich junge Menschen mit Working Holiday Visa (WHV) mächtig anstrengen, um ihre Urlaubskasse aufzufüllen. Dabei ende manche Arbeitssuche ungewollt im Rotlichtviertel der Hauptstädte, bemerkte der SPIEGEL im September 2009. Im Allgemeinen aber sind die sogenannten Working Holiday Maker (WHM) eher ein wirtschaftlicher Stimulus: Durch sie entstehen Arbeitsplätze und der Tourismus im ländlichen Australien wird angekurbelt.
Hauptzweck des WHV ist es, 18- bis 30-Jährigen das kombinierte Reisen und Jobben in Australien zu ermöglichen. Dem Department of Immigration and Citizenship (DIAC) zufolge soll das Visum den kulturellen Austausch fördern und engere Bande zwischen den teilnehmenden Ländern knüpfen helfen. Mit dem WHV kann der fünfte Kontinent für bis zu zwölf Monate bereist werden. Die Kosten des Urlaubs lassen sich durch Kurzzeitbeschäftigung abfedern. Bis zu sechs Monate lang kann bei einem beliebigen Arbeitgeber gejobbt werden. Selbst ein Praktikum oder eine Weiterbildung von bis zu vier Monaten oder 17 Wochen ist möglich. Mehrfache Ein-und Ausreisen sind ebenfalls erlaubt, verlängern aber nicht die Gültigkeitsdauer des Visums.
Nach zusammengenommen drei Monaten oder 88 Tagen spezifischer Arbeit, beispielsweise in der Pflanzen- und Tierzüchtung, in der Fischerei oder im Bergbau, kann ein zweites WHV beantragt werden. Das gestattet den Aufenthalt von bis zu 24 Monaten, gerechnet vom Datum der Einreise mit dem ersten Visum, ferner weitere sechs Monate Arbeit auch bei einem früheren Arbeitgeber. Gerade die Aussicht auf einen längeren Verbleib Down Under motiviere die WHM zur Arbeitsaufnahme im regionalen/ländlichen Australien, konstatiert die im Juli 2009 von der Monash University veröffentlichte Pilotstudie „Long Term Tourists or Short Term Migrants?“, die Tourism Victoria und das National Centre for Australian Studies finanzierte.
Gemäß dem von DIAC im Februar 2009 herausgegebenen Bericht „Evaluation of Australias Working Holiday Maker (WHM) Program“ stellten acht der 24 Länder, mit denen Australien zu diesem Zeitpunkt entsprechende Abkommen hatte, rund 80 Prozent der WHM, nämlich Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, Korea und die Niederlande. Die vier größten Gruppen unter den 134.388 WHM in 2007/2008 waren Großbritannien (28,960), Südkorea (26,758), Deutschland (15,380) und Irland (14,617).
88 Prozent der Working Holiday Maker waren zwischen 20 und 30 Jahren, 53 Prozent waren Frauen. Die WHM verblieben rund acht Monate Down Under, die deutschen unter ihnen sieben Monate. 96 Prozent konzentrierten sich auf vier der sechs Bundesstaaten und zwei Territorien: NSW (47 Prozent), Qld (23 Prozent), Vic (13 Prozent) und WA (13 Prozent). 69,1 Prozent arbeiteten während ihres Aufenthaltes (deutsche: 66,1 Prozent) in 2,3 Jobs (deutsche: 2,5), zumeist als Landarbeiter (27 Prozent), Kellner (13 Prozent), Putzhilfe (acht Prozent) und Küchenhilfe (fünf Prozent). Im Durchschnitt betrug ihr Stundenlohn 16,20 Dollar, die tägliche Arbeitszeit 7,3 Stunden, das Einkommen je WHM 10.667 Dollar. Gemittelt beliefen sich ihre Ausgaben auf 13.218 Dollar (deutsche: 10.931 Dollar), was 2007/2008 einen Gesamtbeitrag zur australischen Wirtschaft von rund 1,8 Milliarden Dollar ergab. Da die Working Holiday Maker mehr Geld ausgaben, als sie einnahmen, schuf statistisch gesehen jeder von ihnen 0,212 vollzeitäquivalente australische Jobs, 100 WHM brachten also Arbeit für 6,3 Vollzeitarbeitskräfte.
Während Deutsche das WHV (Subclass 417) für 235 Dollar beantragen können, gibt es für Österreicher und Schweizer wegen fehlender Abkommen keine Antragsmöglichkeit. Sollte im Übrigen der Hauptzweck der Einreise die Arbeitsaufnahme oder ein Studium sein, so muss ein darauf abgestimmtes Visum gewählt werden.
Abgesehen von der Antragstellung ist vor Reiseantritt einiges andere wichtige zu organisieren: valide Dokumente, aktuelles Resume, Auslandskrankenversicherung, vorgeschriebenes Finanzpolster von 5000 Dollar, Flugtickets, australische Steuernummer, Bankkonto, Erstunterkunft, eventuell Internationaler Führerschein und Jobsuche. Vieles lässt sich durch gezielte Internetrecherche und Vorbereitung arrangieren, doch gerade zur Jobsuche merkt die Studie der Monash University an, dass sie nur für 36 Prozent einfach sei und nur jeder Vierte leicht einen Job finde.
Gemäß DIACs Bericht zum WHM-Programm betätigen sich dann 56 Prozent der Jobber als Kellner sowie als Obst-/Gemüsepflücker. So mildern WHM den Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft ab. Und die Studie der Monash University unterstreicht die Ergebnisse von DIAC, wonach die WHM den regionalen Tourismus und dessen Infrastruktur stärken.
Laut Australian Bureau of Statistics erzeugt die australische Landwirtschaft nahezu 93 Prozent des heimischen Nahrungsmittelbedarfs, exportiert 60 Prozent der Gesamtproduktion, erwirtschaftet jährlich 137 Milliarden Dollar und beschäftigt rund 317.000 Aussies auf nahezu 125.600 Farmen (Haupterwerbsbetriebe). Weitere 1,6 Millionen australische Arbeitsplätze, die sich zu fast 51 Prozent in den sechs Hauptstädten befinden, sind indirekt von ihr abhängig. Zur Auslastung fehlen jedoch nach Angabe der National Farmers Federation (NFF) über 100.000 Arbeitskräfte: 80.000 Fach- und 22.000 Aushilfskräfte (picking jobs). Daher forderte die NFF erst Ende April unter anderem, mehr Migranten an ländliche und schwach besiedelte Regionen zu binden.
Ungeerntete, verrottende Ware kostet eine Farm im Schnitt 100.000 Dollar jährlich. Und so werden für die Ernte wegen des Arbeitskräftemangels außer Arbeitslose, Studenten und Backpacker zuweilen auch Illegale eingesetzt. Doch nicht nur die Beschäftigung von Illegalen anstatt von Australiern bringt die Saisonarbeit zunehmend in Verruf. Immer öfter klagen auch legale Arbeitskräfte über ungenügende Arbeitssicherheit, Lohndumping und Schinderei. Der traurige Tiefpunkt war am 11. Dezember 2009 der Tod der 24-jährigen deutschen Backpackerin Jessica Pera, die auf einer Farm in der Nähe von Bundaberg in Queensland beim Tomatenpflücken vermutlich an Dehydrierung oder Hitzeschlag starb.
Während die Berichte von WHM über betrügerische Herbergen und schlechte Arbeitsbedingungen in deutschen Leitmedien kaum thematisiert werden, treffen journalistische Qualitätsbeiträge wie „Bitter Harvest“ von ABC Ende Mai in Australien einen sensiblen Nerv. Die Online-Kommentare dazu ventilieren auch Kritik an der Visumsvergabe und -kontrolle: Erstens steige die Zahl der Erntehelfer ohne genügende Sprachkenntnisse. Zweitens würden die Visa nicht zum kulturellen Austausch genutzt, sondern für die Arbeitsmigration missbraucht. Und drittens gerieten vor allem junge Schulabgänger, die als Rucksackreisende ohne ausreichendes finanzielles Polster nach Australien kämen, in die Fänge skrupelloser Unternehmer, welche einerseits den Arbeitgeberbeitrag zur Rentenversicherung nicht abführten und andererseits die Angst der Backpacker ausnutzten, ohne genügend Arbeitstage kein zweites Visum beantragen zu können.
Andererseits machte DIAC laut news.com.au schon im November 2009 die zunehmende Zahl skrupelloser WHM Sorgen, die sich mit falschen Angaben und Papieren ein zweites Visum zu erschleichen versucht. Ein aufgedeckter Betrug führt dann unweigerlich zur Ausweisung.
Trotz der Widrigkeiten überwiegt offenbar die Zufriedenheit mit dem Working Holiday Visa. DIAC stellte fest, dass 95 Prozent der Working Holiday Maker das Visum weiterempfehlen würden. Und 73,5 Prozent beabsichtigten, in den nachfolgenden fünf Jahren erneut nach Australien zu reisen.
Dr. Olaf Konstantin Krueger
Lesen Sie auch den Kommentar von Chefredakteur Ludger Heidelbach
EDITORIAL
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Frankreich hat die umstrittene Praxis der Abschiebung von Romas vergangene Woche fortgesetzt und erneut rund 300 Roma von Paris und Lyon aus nach Rumänien ausfliegen lassen. Bei freiwilliger Ausreise erhalten sie knapp 300 Euro pro Erwachsenem und 100 Euro pro Kind. Insgesamt hat Frankreich seit Jahresbeginn 8313 Roma nach Bulgarien und Rumänien zurückgeflogen.
Erst kürzlich haben die Sinti und Roma bei einer Gedenkfeier für ihre ermordeten Landsleute durch das Nazi-Regime beklagt, dass sie auch heute immer noch „Objekt der Intoleranz und brutaler Aggression seien.“ Sie zu vertreiben, sie zu ungewollten EU-Bürgern zweiter Klasse zu machen, hat in Europa Tradition. Und das kommt gut bei den Wählern an. Es bringt in der Regel nur nichts, denn die Ausgewiesenen werden bald nach Frankreich zurückkehren. Das ist ja auch ihr Recht, denn sie sind mit der Aufnahme Bulgariens und Rumäniens EU-Bürger geworden. Staaten, die sie ausweisen, können dies aufgrund einer EU-Richtlinie aus dem Jahre 2004 (siehe auch nebenstehenden Artikel) machen.
Der Elysee-Palast sagt, dass Präsident Sarkozy keinen Feldzug gegen die rumänischen und bulgarischen Roma führe, sondern gegen „das Verbrechen“. Was das Verbrechen betrifft, wäre dies auch in Ordnung, wenn das Ziel des Feldzugs derzeit nicht ausschließlich die Roma-Lager wären. So aber werden Menschen, die wild campen, als Kriminelle eingestuft. Sarkozy hat nun für den 6. September zu einer Konferenz zum Thema Asyl eingeladen, aber nicht etwa alle EU-Mitgliedsstaaten: Eingeladen sind u.a. die zuständigen EU-Regierungsvertreter aus Deutschland, Spanien, Griechenland, Italien und Großbritannien. Dass nur diese Länder eingeladen wurden, macht die ganze Sache unglaubwürdig, zumal auch die EU-Kommission keine Einladung erhielt. Die Kommission prüft zur Zeit, ob die Rückführung von Tausenden von Roma aus Frankreich nach Bulgarien und Rumänien rechtmäßig ist.
Sarkozy lenkt durch dieses Manöver von seinen eigentlichen Problemen ab: Das Staatsbudget weist ein Defizit von acht Prozent aus, harte Sparmaßnahmen sind daher notwendig. Und bloßgestellt durch die Bettencourt-Spenden-Affäre greift er nun auf die alten Rezepte einer Pseudo-Sicherheitspolitik zurück. Denn bei der Ausweisung geht es eher um eine Steigerung seiner zuletzt arg geschrumpften Popularität. Er lässt sich von einem Populismus mitreißen, der in Europa an Boden gewinnt. Paris weist EU-Bürger rumänischer Staatsbürgerschaft aus, deren Zugehörigkeit zur Ethnie der Roma nach den Prinzipien der EU und der französischen Republik keine Rolle spielen dürfte. Damit ist die Botschaft klar: Was geht uns Brüssel an – wir bestimmen, welche Einwanderer aus anderen EU-Staaten zu uns kommen.
Bis nächste Woche
Ihr Ludger Heidelbach
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